Wie Kinder Wörter lernen

Mein jüngstes Kind ist gerade ein Jahr alt geworden. Eine magische Grenze, die gleichzeitig Freude und Wehmut auslöst. Wehmut, weil ich die Babyzeit liebe und weil sie jetzt unwiderruflich vorbei ist. Freude, weil es einfach unglaublich Spaß macht, ihn beim täglichen Lernen und Entdecken zu beobachten. Und Vorfreude, weil seine ersten Worte jetzt ganz bestimmt nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Die ersten wichtigen Anzeichen dafür gibt es schon: er plappert den lieben langen Tag vor sich hin, wunderschön melodisch, mit ganz verschiedenen Lauten. “Buntes Lallen” wird das in der Fachsprache genannt. Das bunte Lallen löst rund um 9 Monate das sogenannte “kanonische Lallen” ab, also jenes Plauschen, bei dem immer die gleichen Silben wiederholt werden. Babababa. Dadadada. Selbst dieses kanonische Lallen, das mit etwa 6 Monaten einsetzt, folgt übrigens schon der Sprachmelodie der Muttersprache.

Wie findet das Kind Wörter?

Dieses Lallen ist aber nur ein Bruchteil dessen, was ein Baby meistern muss, bis es zu den ersten bedeutungsvollen Äußerungen kommt. Es muss die Wörter nämlich nicht nur aussprechen können, es muss sie auch erkennen können.

Kennt ihr das, wenn ihr eine fremde Sprache hört, über die ihr gar nichts wisst? Habt ihr schon mal versucht, herauszuhören, wo ein Wort aufhört und ein anderes anfängt? So in etwa geht es unseren Babys, wenn sie ihre Muttersprache hören. Das was sie hören, ist für sie erst einmal nur ein langer Strom von Lauten.

Tricks, die Kinder anwenden

Wir wissen von ein paar Tricks, die Kinder anwenden, um einzelne Wörter zu identifizieren. Zum Beispiel verwenden sie dazu Wörter, die besonders häufig vorkommen. Ihr eigener Name ist so etwas. Den erkennen Babies mit ungefähr 4 Monaten. Immer, wenn sie den hören, wissen sie, dass das, was davor und danach kommt, getrennt davon ist. Andererseits nehmen sie auch Hinweise aus dem Sprachrhythmus und der Sprachmelodie zu Hilfe. So verwechseln sie zum Beispiel nicht “Mund” mit “Lamm und Schaf”, obwohl die Lautabfolge m+u+n+d in beiden Sequenzen vorkommt. Ein weiterer Hinweis kommt von möglichen und unmöglichen Lautkombinationen, die jede Sprache hat. Im Deutschen kommt zum Beispiel die Kombination “br” zwar häufig vor, aber immer nur am Anfang einer Silbe: braun, bremsen, Brille. Umgekehrt gibt es auch Kombinationen, die nur am Ende einer Silbe vorkommen: blind, fand, Kind. Solche Regularitäten ihrer Muttersprache erkennen Kinder bereits ab etwa 9 Monaten!

Eine Bedeutung gehört auch dazu

Zu einem Wort gehört aber auch eine Bedeutung. Und damit es überhaupt zu der Verbindung zwischen Laut und Bedeutung kommen kann, muss das Kind zuvor schon begonnen haben, Konzepte über seine Welt aufzubauen. Dabei handelt es sich um eine allgemeine kognitive Fähigkeit, die erst einmal unabhängig von Sprache ist. Konzepte bauen wir über unsere Erfahrungen mit der Welt auf. Wenn ein Baby also immer wieder mit einem Ball spielt, dann speichert es dabei etwas über die Eigenschaften des Balles ab. Und irgendwann kann es dann eben das Wort “Ball” mit dem Konzept Ball verknüpfen.

Das erklärt übrigens auch, wie es dazu kommen kann, dass Kinder eine Zeitlang zu allen vierbeinigen Tieren beispielsweise “Hund” sagen (oder Pferd oder Katze). Da sind die Konzepte der einzelnen Tierarten eben noch nicht vollständig analysiert und gespeichert.

Welche Informationen gehörten alle zu einem Wort?

Im Endeffekt müssen wir dann zu einem Wort eine ganze Reihe an Informationen in unserem Gehirn abspeichern: Lautabfolge und Bedeutungsumfang hatten wir schon. Dazu kommen aber auch noch grammatische Informationen, also zum Beispiel, um welche Wortart es sich handelt oder etwa bei Hauptwörtern um welches Geschlecht. In einigen Fällen ist es auch noch wichtig abzuspeichern, wann der Ausdruck angemessen ist. Alle diese Puzzleteile gehören somit zu einem vollständigen Eintrag in unserer mentalen Wortliste.

Wie viele Wörter kennen Kinder wann?

Zwischen eineinhalb und zwei Jahren haben Kinder zumindest um die 50 Wörter auf diese Art gelernt. Dabei zählen Bezeichnungen wie “wauwau” für Hund genau so dazu wie vielleicht “ba” für “Ball”. Nach einer anfänglich langsam wachsenden Wortsammlung, kommt es dann bei vielen Kindern zu einer regelrechten Wortschatzexplosion. Da lernen sie in kürzester Zeit viele neue Wörter auf einmal.

Spannend ist, dass es eine enorme Variablität an völlig altersgemäßer Entwicklung gibt. So zeigt eine Studie (Szagun 2007), dass deutschsprachige Kinder mit 24 Monaten durchschnittlich 214 Wörter aktiv verwenden. Aber dieser Durchschnitt ergibt sich aus einer Bandbreite von insgesamt 46 Wörtern bis 458 Wörtern.

Eltern dürfen also durchaus entspannt sein, wenn ihr Kind noch nicht so viel spricht, wie das Nachbarskind. Wenn sie sich aber Sorgen machen oder den Verdacht haben, dass es tatsächlich eine sprachspezifische Verzögerung geben könnte, dann ist es immer am besten, sich direkt an die Kinderärztin oder eine Logopädin zu wenden.

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Szagun, Gisela (2007). Langsam gleich gestört? Variabilität und Normalität im frühen Spracherwerb. Forum Logopädie 3:20, 20–25.

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